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Facebook und das Ich der Anderen

Heute bin ich aus Facebook ausgestiegen. Sofern man dort überhaupt aussteigen kann.

Den Impuls dazu gab mir Heinz Bude. Wissen Sie, Heinz Bude schreibt in seinem Buch „Gesellschaft der Angst“, dass wir zunehmend von einer intrinsischen, auf eigenen Zielen und Werten basierenden Lebensführung zu einer extrinsischen wechseln.

Klingt intellektuell, oder? Ich dachte mir, um den Kontrast zu Facebook herzustellen, mache ich es etwas komplizierter zum Einstieg. Wenn ich Sie noch nicht verloren habe, geht es jetzt verständlicher weiter.

Es ist ganz einfach. Früher, ja da wo alles besser war und wir einfach nur jünger, also früher. Früher da hat man sich Ziele gesetzt, ist Werten gefolgt und bekam auch Werte vermittelt. Zum Beispiel Pünktlichkeit. Mal so als deutscher Grundwert des letzten Jahrtausends. Oder halt, dass man Akademiker werden wollte. Oder was mit Autos machen. Das gibt es heute auch noch. Sicher. Aber damals, da konnte man noch seinen eigenen Stil entwickeln. Man konnte Dinge tun oder auch lassen. Aufm Sofa das ganze Wochenende verbringen, oder Vereine gründen. Hat ja keiner mitbekommen.Nur die engen Freunde. Und die haben einem das dann auch gesagt, wenn es doof war.

Heute ist das anders. Heute gibt es Facebook, Twitter, Instagramm und noch mindestens 10 weitere soziale Netzwerke und Medien. Ist doch toll, mögen Sie sagen. So kann ich immer mit meinen Freunden in Kontakt bleiben.Mit allen 387.


Ja, das war schon schwer in den 80ern, so ohne das alles. Mit meinen Freunden in Kontakt bleiben war eine Herkulesaufgabe. Ich musste mich tatsächlich direkt mit ihnen unterhalten und dann fest verabreden. Verbindlich. Zu im vorne herein festgelegten Uhrzeiten. Und ich wusste nur ungefähr, was meine Freunde in der Zwischenzeit taten. Aber andererseits. Ich habe es dann ja später erfahren, wenn es wichtig war. Dann hatten wir etwas zum darüber reden. Wahrscheinlich hatte ich damals auch nur 4-5 richtige Freunde.

Heute wird der Facebook-Mensch unablässig mit den Tätigkeiten seines Freundes- und Bekanntenkreises konfrontiert. Was die alles tolles machen, erleben, denken, sehen.

Und was mache ich? Ich sitze bei Facebook und gucke. Und entwickle eine Angst, etwas zu verpassen. Oder langweilig zu sein, wenn andere so viel tun und erleben und ich kann gar nichts tolles posten.

Der Mensch und vor allem der junge Mensch, definiert sein Ich heute mehr und mehr aus dem Abgleich mit seiner Umwelt. Mit dem Vergleichen und Wetteifern im Angesicht einer ständigen medialen Transparenz. Er ist auf der Jagd nach „gefällt mir“, der digitale Mensch. Je mehr Klicks der Zustimmung, desto stärker das Selbstbewusstsein. Das krassere Bild, das lustigere Video, das spektakulärere Selfie. Klar, auch wir haben früher Idole und Vorbilder gehabt. Oder haben versucht so zu sein, wie dieser coole Typ aus der Klasse über uns. Aber wenn es dann doch nicht so geklappt hat, dann hat das keiner mitbekommen. Der digitale Mensch 2.0 ist im allgegenwärtigen Austausch. Er sieht den coolen Typen nicht nur tagsüber in der Schule. Er wird rund um die Uhr damit konfrontiert. In unserer 24/7 – Gesellschaft ist die Kommunikation hochbeschleunigt und flüchtig.

Oder wie Heinz es sagt: "Der seelische Kreiselkompass innerer Gleichgewichtsbildung wird durchs soziale Radargerät der Registrierung der Signale anderer ersetzt. Das Ich wird zum Ich der anderen und steht dann allerdings vor dem Problem, aus den Tausenden von Spiegelungen ein Bild für sich selbst zu gewinnen."

Ich dachte gerade, wenn ich schon intellektuell begonne habe, muss ich auch so enden.

Natürlich ist nicht alles schlecht. Verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist die Menge, die das Gift macht. Haben wir noch das richtige Maß an Kommunikation? Oder wird es bereits zum Gift?

Es gibt wichtigeres im Leben, als beständig des Geschwindigkeit zu erhöhen, sagte einst Mahatma Gandhi. Wissen Sie was? Ich finde, er hatte Recht.

Oh, ich muss aufhören. Da kommt eine WhatsApp...

27.10.14 20:03
 


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